Die Pieta in der Helpensteiner Kapelle


Der Bildhauer Wilhelm Top-hinke wurde als Sohn des Bauern Franz Tophinke in Clarholz-Heerde (Emsland) geboren. Seine frühe künstlerische Begabung überzeugte den Vater, der ihn zur Ausbildung in die Kunstwerkstätten von Heinrich Hartmann, Wiedenbrück schickte. Weitere Ausbildungen erfolgten in Erkelenz und Kleve. Nach dem ersten Weltkrieg an dem Tophinke aktiv teilgenommen hatte, besuchte er mehrere Jahre die Akademie für bildende Künste in München. Hier lernte er bei Prof. Bernhard Bleeke. Als Meisterschüler erlangte er mehrere Auszeichnungen. Die schlechte Wirtschaftslage Anfang der zwanziger Jahre führten dazu, dass Tophinke nach Amerika auswandern wollte. Dieser Plan zerschlug sich aber. Er ließ sich in Koblenz nieder.

Erst allmählich besserte sich seine Lage. Leider zerstörten Bomben im 2. Weltkrieg sein Haus in Koblenz. Seine Familie in Clarholz nahm ihn und seine Frau auf, bis er sich auf Einladung des Landeskonservators im Brühler Schloss niederließ. Es folgten Jahre intensiver Arbeit. Für seinen Freund, den Kölner Dombaumeister W. Meyers, schuf er ein allgemein beachtetes Hochkreuz für den Domherrenfriedhof außen am Domchor. In vielen Kölner Innenstadt- und Kölner Vorortkirchen finden sich seine Werke. Aber auch an vielen bedeutenden Stätten des Auslandes findet man seine Werke. So unter anderem in der Friedenskirche in Hiroshima in Japan (Kreuzweg). Auch in der Hoistener Kirche befindet sich ein Werk des Künstlers. In der Marienkapelle hängt die Figur des heiligen Antonius von Wilhelm Tophinke. Pastor Strauß aus Hoisten hat seinerzeit den Künstler nach Helpenstein vermittelt.

So kommt es, dass in unserer Kapelle ein wertvolles Werk, von einem bedeutenden Künstler unserer Zeit geschaffen, steht. Tophinke starb am 24.Mai 1961 in Brühl. In seinem Nachruf schreibt Rainer Schepper: Seine Bilder zeigten den Aufstieg und das innere Ringen mit dem Stoff, sie zeigten ein Werk, das sich aus anscheinend anfänglich stark in bäuerlicher Kunst bewegender und zum Naturalismus neigender Darstellung emporrang zu eigenem Ausdruck, zu strengerem, konsequent linienführendem Formwillen zur weisen Beschränkung auf das Wesentliche, zur vollendeten Darstellung einzig des wahrhaft Gültigen, zum stilgerechten Ausdruck des Innern. Und doch: Schwingt nicht, wie im eigenen persönlichen Wesen des Künstlers, so auch in seiner Kunst, etwas Weiches mit, etwas Mildes, Versöhnliches, ein Zug träumerisch versonnener Hingabe, sehnsuchtumsponnenes Verlorensein? Das nicht aus Schwäche, nicht als Ausdruck scheuen Zurückweichens vor letzten Konsequenzen, sondern als Überwindung, als Besiegelung alles Harten, Schroffen und aller Disharmonien.

Wilhelm Tophinke war einer unserer bedeutendsten und behutsamsten Restauratoren; denn er brachte außer dem handwerklichen Können, der einfachsten Voraussetzung jeglicher Künstlerschaft, das feinsinnig nachtastende Einfühlungsvermögen mit, das ihm die Kunst der Zeiten und Epochen erschloss, so dass er sie in ehrfürchtiger Nachbildung und Ausforschung dem Auge unserer Zeit freizulegen vermochte. Als freischaffender, souveräner Künstler, vor allem in der Darstellung religiöser Themen, stand er unter dem Einfluss zeitloser Kräfte. Er war so sehr Künstler, dass er an eine der Kunst und nur ihr eigene Aussagekraft glaubte. Für ihn lässt sich bildendes Schaffen nur im Schauen nachvollziehen und begreifen, nicht im deutenden Wort. Das Bild ist ihm mehr als das Wort. Was sich sagen lässt, stellt er nicht dar, seine Welt ist das Unsagbare. “Wozu ein Bild, so sich das mit Worten sagen lässt!³ (Brief vom 12.3.1952).

Solches Schaffen ist nicht denkbar ohne ein hohes künstlerisches Ethos, es ist entfernt von jeglicher Manier, jeglichem Modernismus, jeglichem Archaismus. Geist und Gestalt, Übereinstimmung des inneren wie äußeren Formats sind ihm wesentlich. Das trug Tophinke den Vorwurf der Nähe zum Naturalismus ein, dem er wie jedem anderen “Ismus³ fern stand. Das Ideal seiner Kunst ist das Schöne, das zugleich das Wahre ist. Damit steht Tophinke auf dem Boden theologischer Aussage, und er wusste es. Für Tophinke gab es die unverwechselbare Souveränität der Künste.

Was die Musik auszusagen vermag, die Dichtung, die Malerei, die bildende Kunst, ein jedes steht für ihn unter eigenen, nicht vertauschbaren Gesetzen. So ist nach ihm die stumme Kunst des Bildes am schwersten in der Sprache erfassbar und ausschöpfbar. Sie will im Schauen begriffen werden. Stoff, Empfindung und geistige Aussage gewannen für Top-hinke nur durch die sie alle vereinigende Gestaltung Gültigkeit. In einem Brief vom 31.1.1953 schrieb er über einen anderen Künstler: “ Von der Schule her war er beeinflusst von den Erben des Expressionismus, dessen Devise es ja war, los von allem Bisherigen, los vom Stoff, los von den Mitteln. Bei ihm sind diese Dinge im Gefühl lebendig.

Seine Stärke ist nun Empfindung, nicht Gestaltung. Wenn wir darauf verzichten, begeben wir uns eines wesentlichen der Bildhaftigkeit. Selbst in der Musik, im Tanz usf. bedrückt der Verzicht (ist er überhaupt ganz möglich?) auf Wesenhaftes. Folgerichtig war da von den Expressionisten eigentlich nur Paul Klee, man sehe die Ergebnisse. Selbst bei gegenständlicher Gestaltung wie beim Michael (Plastik Tophinkes in der St.-Johannes-Kirche zu Oelde) setzen wir uns irrtümlichen Ansichten aus, wie viel mehr bei Dingen, die nur aus dem Empfinden geworden sind, das keiner kontrollieren kann. Dass die Kunst immer neue Wege sucht, ist so natürlich, wie alle menschliche Tätigkeit dieses Bestreben hat.³ Wir sollten nicht versuchen, Tophinkes Kunst in Wort zu sehr zu deuten.

Sein Werk wird in die Zeiten seinen Geist und sein künstlerisches Format gültig dokumentieren. In einem Brief vom 4.1.1953 schrieb er mir den Satz, der als Motte über seinem gesamten Leben und Schaffen stand: “Ehren wir Gott, und wenn er uns die Gnade gibt, dass das Leben lebenswert ist oder nur ein Teil, was wollen wir mehr!³ Wer sich Zeit nimmt und die Pieta in der Helpensteiner Kapelle einmal mit Ruhe betrachtet, kann den Ausführungen Scheppers nur zustimmen.

Martin Kluth


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