Erdbeeren und Stangenbohnen

Wenn man in der Vor- und Nachkriegszeit von Helpenstein sprach, wurde dies fast immer mit Erdbeeren oder Stangenbohnen in Verbindung gebracht. Dies hat folgenden Hintergrund: Zunächst geben die Bodenverhältnisse eine ideale Grundlage für den Anbau von Erdbeeren und Stangenbohnen. Der humusreiche Lehmboden speichert lange die Nährstoffe und verspricht gleichmäßige Feuchtigkeit, dies sind Voraussetzungen für ein gutes Gedeihen dieser Pflanzenarten. Nun ernährten sich in den früheren Jahren fast die Hälfte der Helpensteiner aus dem Erlös der mittleren und kleinen landwirtschaftlichen Betriebe. Die andere Hälfte ging als Arbeiter oder Handwerker ihrer Tätigkeit nach. Fast alle Familien hatten ein Anwesen, dem sich ein unterschiedlich großer Garten oder Ackerland anschloss. Hier wurde Gemüse und Obst für den Eigenbedarf kultiviert. Die Überproduktion konnte als zusätzliche Einnahme verkauft werden. Was bot sich da besser an, bei einem entsprechend großen Garten, eine Parzelle mit Erdbeerpflanzen zu bestellen. Heute muss man sagen, dass in früheren Jahren die Erdbeere ein Luxusartikel war, der für den eigenen Verzehr zu teuer war und bei den ärmlichen Verhältnissen, die in vielen Familien herrschten, konnte durch den Verkauf der wertvollen Früchte manches finanzielle Loch gestopft werden. Das Gleiche galt für die Landwirtschaft. Es wurden, je nach Möglichkeiten, größere Felder angepflanzt, um auch hier die Einkünfte zu verbessern. Die Betriebe mussten modernisiert werden, um überhaupt noch konkurrenz- und lebensfähig zu sein. So kamen diese zusätzlichen Einnahmen auch diesen Familien zugute. Die Erdbeere ist eine einfache aber sehr pflegeintensive Kultur. Sie beginnt ca. Mitte August. Dann sind die rankenden Ableger bewurzelt und können von den alten Pflanzen abgetrennt und auf einem gut vorbereiteten Feld in Reihen eingepflanzt werden. Von da an beginnt die Pflege, je nach Witterung wird gewässert, die Kultur muss ständig von Unkraut freigehalten werden, damit die Pflanzen sich voll entwickeln können, nur dann ist im nächsten Jahr eine gute Ernte zu erwarten. Ebenfalls ist eine gutdosierte Düngung notwendig. Die Pflanzen können zwei bis drei Jahre stehen, doch die beste Ernte ist im ersten und zweiten Jahr zu erwarten. Damit sind wir bei der Erdbeerernte, da kommt Leben in das sonst so vertraute Helpenstein. Ab Mitte Mai, wenn die Frühjahrsarbeiten in Garten und Feld abgeschlossen sind, beginnt die Reife der frühen Sorten und damit auch die langersehnte Erdbeerzeit. Die frühen Sorten sind zwar nicht so ertragreich, bringen aber einen guten Preis. Mit der Erdbeerreife kommen auch die Käufer nach Helpenstein. Als erstes erschienen Privatleute aus den nahen Orten und Städten, die sich aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten diesen Luxusartikel leisten konnten. Ebenfalls fanden sich Händler ein, um hier ihre Waren einzukaufen und sie den Menschen in der Stadt anzubieten. Dann ging ein Feilschen und Handeln los, dabei konnte man die Helpensteiner nicht “über´s Ohr hauen³, wie man so sagt, denn die hatten Erfahrung und waren mit “allen Wassern gewaschen³. Es war Hochbetrieb in Helpenstein, die “Erdbeerzick³ fordert alle, die eben helfen können. Diejenigen, die selbst wenige oder keine Erdbeeren hatten, halfen gegen Stundenlohn bei den Großanbauern. Morgens früh, beim ersten Licht, zogen die Helpensteiner mit “Schorßkaar³ und “Bolderwaagen³, hochbeladen mit leeren Erdbeerkörbchen aufs Feld. Gegen 9 Uhr kamen die ersten Händler, um frische Waren für ihr Geschäft zu holen. Die Pflücker machten ihre erste Pause am Feldrand bei “een fettije Botteram und een Tööt Kaffee³. So ging es den ganzen Tag, wenn, je nach Witterung, die Reife der Erdbeeren es zuließ.

Ganz Helpenstein roch in dieser Zeit nach Erdbeeren und ein Auto- und Fahrradbetrieb bewegte sich durch den Ort wie man es das ganze Jahr nicht sah. An Spitzentagen wurden in Helpenstein bis zu 200 Zentner Erdbeeren geerntet!!! Einige Familien brachten ihre Ware selbst nach Neuss zum Wochenmarkt. Der Transport erfolgte mit Pferd und Wagen oder Karre, später mit dem LKW. Die bekannteste und markanteste Händlerin war “Schicks Aleed³, Adelheid Plasser und ihr Mann Johann. Sie ist über 50 Jahre mit Maulesel und Wagen dahinter zum Neusser Wochenmarkt gefahren. Sie war beliebt aber auch gefürchtet wegen ihres losen Mundwerks und war eine Marktfrau urigen Stils. Auch die Geschwister Bongartz “Konnens Jriet un Döres³, brachten in früheren Jahren ihre Produkte zum Markt. “Döres³ hatte den ersten PKW im Ort und war damit schon sehr modern eingerichtet. Auch andere Helpensteiner brachten früher ihre Ware in die Stadt, sie sind aber leider namentlich nicht bekannt. In den 50er Jahren übernahm Jakob Sandkaul sen. das Anwesen der Familie Bock in Helpenstein und entwickelte sich als Obst- und Gemüsehändler. Er baute mit Hilfe seiner Frau Lottchen diesen Handel zum Großhandel aus. Er war der größte Abnehmer der Helpensteiner Erdbeerbauern. Im Laufe der Zeit wurde der Anbau erweitert und somit das Angebot immer größer. Auswärtige Händler rochen ein Geschäft und stiegen in Helpenstein ein. So wurde der Bekanntheitsgrad der Helpensteiner Erdbeere über die Grenzen von Neuss hinaus beträchtlich erweitert. Aber was ist mit den Helpensteinern selbst? Natürlich ist jeder bemüht, den bestmöglichen Ertrag zu erzielen. Es werden die tollsten Experimente gemacht, die schon beim Einsetzen der Jungpflanzen beginnen. Hier versucht man die unterschiedlichsten Methoden, um ein sicheres Anwachsen zu gewährleisten. Dann versucht man immer neue Sorten, natürlich immer ganz geheim. Dies nutzt zwar nichts, denn die Spione sind unterwegs und im Nu weiß das ganze Dorf Bescheid. Oder es werden verschiedene Düngungen erprobt. Der Eine hält an der althergebrachten Weise fest, Jauche im Herbst und im Frühjahr, der Andere benutzt schon moderne Düngemittel. Das ganze Jahr über wird nicht so viel gelogen, wie in der Erdbeerzeit. Da wird “jestronges, dat sech de Balke böje³. Jeder will die besten Erträge erzielt haben. Hierzu eine kleine Episode: Am Ende der Erdbeerzeit, Sonntagsmorgens bei “Fusse Matthes³, Holzschneider Michel hat wieder Spitzenerträge zu vermelden, Kluths Willi, der nicht mit diesem Erfolg aufweisen konnte, hat sich das Gespräch einige Zeit angehört und fragte plötzlich: “Michel, wat deest du eijentlich immer an die Erdbeere?³ Sagt Michel:³Esch donn immer Mestepool dran.³ “Baah³, sagt Willi, “wie schmeckt dat dann, mer donnt immer Sahne dran.³ Da hatte Willi die Lacher auf seiner Seite und im Nu wurde das Thema gewechselt. Die Erdbeerzeit war für mehrere Generationen in Helpenstein die Zeit, nach der sich alle übrigen Planungen hin orientierten. Da wurde Kirmes so gelegt, daß die Erdbeerernte vorbei war und die Hauptgetreideernte noch bevorstand. Urlaubsplanungen können nur außerhalb der Erdbeerzeit vorgenommen werden. Sogar Hochzeitstermine sind in diesem Sinne zu berücksichtigen. Doch ist alles, was wir in diesem Bericht gelesen haben, heute fast Nostalgie. Die Erdbeere ist nicht mehr Mittelpunkt im Helpensteiner Lebenslauf. Durch den internationalen Handel wird der deutsche Markt ganzjährig mit Erdbeeren beliefert und gehört zum täglichen Angebot für jeden Haushalt. Es gibt keine Erdbeerzeit mehr, in der nur über einen bestimmten Zeitraum diese schmackhafte Frucht zum Verzehr und damit zur intensiven Nachfrage bereit steht. So wird in Helpenstein fast ausschließlich nur noch für den eigenen Gebrauch kultiviert und die Verbindung der Erdbeere zu Helpenstein stirbt so langsam aus. Eine andere Kultur, die mit Helpenstein in Verbindung gebracht wurde, ist schon seit ca. 30 Jahren aus dem Anzuchtsplan für das Marktangebot herausgenommen worden. Es handelt sich um die Stangenbohne oder “Stangebunne³. Es ist eine rankende Bohnensorte, die, wie der Name schon sagt, an ein Stangengerüst, meist aus jungen Fichtenstämmen gepflanzt wird und so an diesen Stangen hochwächst. Mehrere tausend Stangen waren manchmal auf einem Feld zu finden. Die Ranken mussten täglich helfend geleitet oder angebunden werden. Diese Bohnensorte ist sehr ertragreich und wurde früher ausschließlich als Saure-Bohne oder Stink-Bohne verarbeitet. Das heißt, es gab vor ca. 100 Jahren nicht viele Möglichkeiten, frisches Gemüse längere Zeit haltbar zu lagern, um auch in den Wintermonaten einen abwechslungsreichen Mittagstisch zu haben. So war es üblich, einige Gemüsearten in Steingutkübeln zu lagern oder wie es in Helpenstein heißt, “en et Döppe enmaache³. Dort erhält das Gemüse über einen Gärprozeß den pikanten säuerlichen Geschmack und ist sehr verträglich und gesund. Den größten Bekanntheitsgrad hat der Weißkohl, der durch d ieses Verfahren zum Sauerkraut wird, also aus dem “Kappesdöppe³ kommt, Danach kommt schon die Bohne “em Bunnedöppe³. In keiner Familie fehlte früher eines dieser “Döppe³ und auch heute ist in den meisten Familien der Vorgang dieses Einlegens noch bekannt. Wenn es dieses “Fitschbunnejemös³ zum Mittagessen gab, konnte man das durch das ganze Dorf riechen, denn diese eingelegten Bohnen erzeugten beim Kochen einen unangenehmen Geruch, der sich aber im Geschmack nicht wiederfindet. Das Einlegen in Ton- und Steinkübel war bis in den 60er Jahren noch üblich und hier und da auch bis heute noch gebräuchlich. Doch dann fand die Technik ihren Durchbruch und die Gefriertruhen und -schränke zogen in jeden Haushalt ein. Damit gab es hinreichend Möglichkeiten zum haltbaren Lagern und die aufwendige Arbeit des Einlegens erübrigte sich. So verminderte sich auch die Nachfrage der Helpensteiner Stangenbohnen und die Anzucht wurde immer weniger, bis sie ganz eingestellt wurde. Die von Herbst bis Frühjahr im Stapel (“Jeerdelbärm³) gelagerten “Bunnestange³ verschwanden vollkommen aus den umliegenden Feldern. Heute findet man die Stangenbohnen nur noch vereinzelt in den Hausgärten und das “Bunnedöppe³ ziert, mit Blumen bepflanzt, den Hauseingang oder den Hof. So, wie die Erdbeere die Verbindung zu Helpenstein verliert, hat die Stangenbohne dies schon seit Jahren getan und wenn man heute in den umliegenden Ortschaften und Städten von Helpenstein spricht, denkt man eher an Biergarten und Fahrradtour. Dies ist genauso saisonbedingt wie es früher die Erdbeere und die Stangenbohne war. Denn wenn dann die trüben Herbsttage kommen, wird es in Helpenstein wieder still und verträumt, fast wie in früherer Zeit.

Hermann-Josef Bongartz


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